Es gibt diesen Moment: Du hältst endlich das fertige Strickstück in den Händen. Wochen der Arbeit, Hunderte Meter kostbaren Garns, unzählige Maschen. Und dann – passt es nicht. Der Pullover schlabbert, die Socken würgen, der Schal fühlt sich steif an statt geschmeidig.
Die Maschenprobe hätte es dir verraten.
Sie ist nicht die langweiligste Pflichtübung des Strickens, sondern eine kleine Investition mit großer Wirkung. 20 Minuten, die dir Stunden der Frustration ersparen. Ein Fenster in die Zukunft deines Projekts. Und wenn wir ehrlich sind: auch ein erster, haptischer Moment mit deinem neuen Garn – wie es zwischen den Fingern gleitet, wie sich die Maschen auf der Nadel anfühlen, wie Licht und Schatten über die entstehende Struktur wandern.
Lass uns gemeinsam entdecken, warum die Maschenprobe mehr ist als ein notwendiges Übel – und wie du sie so anfertigst, dass sie dir wirklich verlässliche Antworten gibt.
Warum die Maschenprobe wirklich zählt
Passform ist alles
Stricken ist Mathematik aus Wolle. Jede Anleitung basiert auf einer bestimmten Maschenzahl pro 10 cm – der sogenannten Maschenprobe oder Gauge. Wenn deine persönliche Maschenprobe davon abweicht, verändert sich das gesamte Projekt proportional.
Ein Beispiel: Die Anleitung gibt 22 Maschen auf 10 cm vor. Du strickst lockerer und kommst nur auf 20 Maschen. Bei einem Pullover mit 100 cm Brustumfang bedeutet das:
- Anleitung: 220 Maschen = 100 cm
- Deine Maschenprobe: 220 Maschen = 110 cm
Dein Pullover wird 10 cm zu groß. Zehn Zentimeter, die den Unterschied machen zwischen „passt perfekt" und „sieht aus wie geborgt".
Stofffülle und Charakter
Aber die Maschenprobe verrät dir mehr als nur Zahlen. Sie zeigt dir, wie sich das Gewebe anfühlt. Ist es dicht und strukturiert, oder luftig und fließend? Neigt es zum Einrollen? Wie fällt es, wenn du es aufhängst?
Besonders bei edlen Fasern wie Soft Silk Mohair oder Silk Blend Fino macht die Nadelstärke einen enormen Unterschied: Eine Nummer größer, und aus einem festen Tuch wird ein transparenter Hauch. Eine Nummer kleiner, und die Fluffigkeit verdichtet sich zu samtiger Opulenz.
Die Maschenprobe ist dein Labor, in dem du experimentieren kannst, bevor du dich festlegst.
Garnverbrauch realistisch planen
Wer kennt es nicht: Du kaufst Garn für ein Projekt, und mitten im Stricken wird klar – es reicht nicht. Gerade bei exklusiven, handgefärbten Garnen kann Nachkaufen zur Herausforderung werden, wenn die Partie ausverkauft ist.
Eine korrekte Maschenprobe hilft dir, den Garnverbrauch präzise zu kalkulieren. Strickst du dichter als angegeben, brauchst du weniger Garn. Strickst du lockerer, mehr. Mit der Maschenprobe kannst du rechtzeitig nachbestellen – oder bewusst ein anderes Muster wählen.
So fertigst du die perfekte Maschenprobe an
Größe und Vorbereitung
Stricke immer größer als die angegebenen 10×10 cm. Ideal sind 15×15 cm oder sogar 20×20 cm. Warum? Die Randmaschen verzerren das Bild, und das Messen in der Mitte gibt dir verlässlichere Werte.
Was du brauchst:
- Dein Projektgarn
- Die vorgeschlagenen Nadeln (plus eine Nummer größer und kleiner zum Testen)
- Ein Maßband oder Lineal
- Stecknadeln zum Markieren
- Optional: Ein Maschenprobe-Rahmen oder Blocking Mats
Schlage etwa 5–8 Maschen mehr an als für 10 cm nötig. Bei einer Vorgabe von 22 Maschen also mindestens 30 Maschen.
Das Stricken
Stricke im Muster der Anleitung. Glatt rechts? Dann glatt rechts. Rippenmuster? Dann genau dieses Rippenmuster. Die Struktur beeinflusst die Maschenprobe erheblich.
Stricke so, wie du das gesamte Projekt stricken würdest:
- Mit der gleichen Körperhaltung (entspannt auf dem Sofa oder konzentriert am Tisch?)
- Im gleichen Tempo (nicht perfektionistisch langsam, sondern in deinem natürlichen Flow)
- Mit der gleichen Spannung (nicht krampfhaft locker oder fest)
Stricke mindestens 15 cm in die Höhe. Kette nicht ab – lass die Maschen auf einem Hilfsfaden oder der Nadel ruhen. Der Abschluss würde die Messung verfälschen.
Waschen und Blocken – der entscheidende Schritt
Hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Eine ungewaschene Maschenprobe ist nur die halbe Wahrheit.
Viele Garne – besonders solche mit Naturfasern oder Alpakaanteilen – verändern sich beim ersten Waschen. Sie dehnen sich, ziehen sich zusammen, werden weicher, oder die Maschen legen sich neu.
So gehst du vor:
- Wasche die Probe wie später das fertige Teil (Handwäsche oder Wollwaschgang, kaltes bis lauwarmes Wasser)
- Drücke vorsichtig das Wasser heraus (nicht wringen!)
- Rolle sie in ein Handtuch und drücke erneut
- Lege sie flach auf ein Handtuch oder Blocking Mat
- Forme sie sanft in die richtige Form, ohne zu zerren
- Lass sie vollständig trocknen
Erst jetzt zeigt dir das Garn sein wahres Gesicht.
Richtig messen
Lege deine trockene, geblockte Probe auf eine glatte Unterlage. Nimm ein steifes Maßband oder Lineal.
Maschenprobe horizontal (Maschen pro 10 cm):
- Miss in der Mitte der Probe, nicht am Rand
- Markiere mit Stecknadeln eine 10-cm-Strecke
- Zähle die Maschen zwischen den Nadeln
- Zähle halbe Maschen mit! (20,5 Maschen sind näher an 21 als an 20)
- Miss an mindestens zwei verschiedenen Stellen und bilde den Durchschnitt
Maschenprobe vertikal (Reihen pro 10 cm):
- Gleiches Prinzip, aber vertikal
- Bei Mustern: Zähle vollständige Musterrapporte
Notiere alle Werte: Maschen pro 10 cm, Reihen pro 10 cm, verwendete Nadelstärke, Muster.
Häufige Fehler (und wie du sie vermeidest)
Zu klein stricken: Eine 10×10-cm-Probe ist zu ungenau. Randmaschen verfälschen das Ergebnis. Stricke immer 15×15 cm oder größer.
Nicht waschen: Viele Garne dehnen sich beim Waschen. Was trocken passte, kann nach der ersten Wäsche zu groß sein.
Nur einmal messen: Miss an mehreren Stellen und rechne den Durchschnitt. Handstrickstücke sind selten mathematisch perfekt gleichmäßig.
Zu verkrampft stricken: Strickst du die Probe angespannt und perfektionistisch, wird sie dichter als dein späteres, entspanntes Projektgarn. Stricke natürlich.
Das Muster ignorieren: Glatt rechts und Rippenmuster haben unterschiedliche Maschenproben. Stricke immer im Projektmuster.
Wann kannst du die Maschenprobe überspringen?
Seien wir ehrlich: Nicht jedes Projekt braucht eine Maschenprobe.
Überspringe sie bei:
- Schals, Tüchern und anderen Projekten, bei denen die Größe flexibel ist
- Experimentellen, freien Strickstücken ohne Passform-Anspruch
- Projekten, die du schon mit exakt diesem Garn und dieser Anleitung gestrickt hast
Fertige sie auf jeden Fall an bei:
- Pullovern, Cardigans, Jacken
- Socken (wenn du nicht ständig nachstricken willst)
- Mützen mit spezifischer Passform
- Allem, was jemandem passen soll
- Teuren, limitierten Garnen, bei denen Nachkaufen riskant ist
Dein nächster Schritt
Die Maschenprobe ist keine Prüfung, die du bestehen musst – sie ist eine Unterhaltung zwischen dir, dem Garn und der Anleitung. Sie gibt dir Sicherheit, bevor du dich in ein Projekt vertiefst. Und manchmal verrät sie dir auch, dass eine andere Nadelstärke oder ein anderes Garn besser passen würde.
Bei Bonifaktur findest du nicht nur außergewöhnliche Garne, sondern auch die Inspiration, sie mit Sorgfalt und Freude zu verarbeiten. Ob du dich für Soft Silk Mohair, Silk Blend Fino oder robuste Sockenwolle entscheidest – eine kleine Maschenprobe zeigt dir, was möglich ist.
Nimm dir die 20 Minuten. Deine Hände, dein Garn und dein zukünftiges Ich werden es dir danken.
FAQ: Maschenprobe – Schnelle Antworten
Muss ich wirklich bei jedem Projekt eine Maschenprobe machen?
Bei Projekten mit Passform (Pullover, Socken, Mützen): ja. Bei freien Projekten wie Schals oder experimentellen Tüchern: nicht unbedingt.
Was, wenn meine Maschenprobe nicht zur Anleitung passt?
Probiere eine andere Nadelstärke. Zu wenig Maschen? Nimm kleinere Nadeln. Zu viele Maschen? Nimm größere Nadeln. Meist reicht eine halbe oder ganze Nummer.
Kann ich die Maschenprobe später auftrennen und weiterverwenden?
Ja! Viele Stricker*innen heben Maschenproben auf (als Referenz oder zum Waschtesten), aber du kannst das Garn auch wiederverwenden.
Wie wichtig ist die Reihenprobe?
Bei Projekten, die in der Höhe gemessen werden (z. B. Raglan-Pullover), sehr wichtig. Bei Projekten, die nach Maschenzahl gearbeitet werden, weniger kritisch.
Mein Garn verhält sich nach dem Waschen völlig anders – ist das normal?
Ja, besonders bei Naturfasern. Mohair flufft auf, Alpaka dehnt sich, Seide wächst. Deshalb ist das Waschen der Probe so wichtig.
Stricke mit Liebe, Miss mit Sorgfalt, Trage mit Freude.




Lana per calze: durata e costruzione spiegate